Veranstaltungsbericht - Von Stereotypen zu Potentialen

austrian gay professionals und Wirtschaftskammer OÖ

Von Stereotypen zu Potenzialen

Bericht zur Veranstaltung vom 22. Februar 2012 in Linz

 

Die Menschen sind unterschiedlich und unsere Gesellschaft ist vielfältig. Das Gleichstellungsgesetz sorgt in Österreich dafür, dass Geschlecht, Alter, ethnische Zugehörigkeit, Hautfarbe, Behinderung, sexuelle Orientierung und Religion im Gesellschafts- und Arbeitsleben keine Rolle spielen. Wie können Unternehmen einen Schritt weiter gehen und diese Vielfalt nicht nur billigend in Kauf nehmen, sondern als Potenzial nützen?

Das war das Thema eine gemeinsame Veranstaltung der Wirtschaftskammer Oberösterreich und der agpro - austrian gay professionals - am vergangenen Mittwoch in Linz: "Diversity-Management - Von Stereotypen zu Potenzialen". Es war die erste Veranstaltung dieser Art überhaupt in Oberösterreich, weil die Referenten Prof. Dr. Rainer Bartel (Ökonom an der Kepler-Uni Linz) und Mag. Norbert Pauser (Unternehmensberater mit Schwerpunkt Diversity und Inclusion) dabei den Themenschwerpunkt auf sexuelle Orientierung legten.

Pauser führte aus, dass eine Gesellschaft ihre Ziele besser erreicht, wenn sie mit derDiversität auskommt. Wenn ein Mitarbeiter aufgrund seiner spezifischen Eigenart nicht nurgeduldet, sondern auch anerkannt und gefördert wird, erhöht das seine Motivation, seineIdentifikation mit seinem Betrieb und dadurch auch seine Produktivität.

Wenn er im Gegenzug sich in seinem So-Sein nicht anerkannt fühlt oder gar aus Furcht glaubt, seine Identität verheimlichen und sich verstecken zu müssen, ist er z.B. häufiger krank (bis hin zu psychischen Störungen). Er kostet das Unternehmen mehr Geld und er bringt weniger Leistung, weil er sich selbst weniger einbringen kann. Eine Situation, in der beide, sowohl das Unternehmen als auch der Mitarbeiter, zu Verlierern werden.

Durch den bewussten Umgang mit Diversität im Unternehmen lässt sich, wie Rainer Bartel anschaulich darlegte, diese loose-loose-Situation in eine win-win-Situation umkehren, von der Mitarbeiter und Unternehmen gleichermaßen profitierten.

Nach außen hin ist ein neuer, positiver Umgang der Unternehmen mit Vielfalt bereits deutlich sichtbar: So wirbt zum Beispiel das schwedische Möbelhaus Ikea mit einem Spot, bei der ein junger Mann und eine junge Frau beim Liebesspiel überrascht werden. Allerdings nicht etwa von ihrem Partner oder seiner Partnerin, sondern von seinem Partner, und die junge Frau muss sich verstecken. Anderes Beispiel für ein auf eine vielfältige Gesellschaft ausgerichtetes Marketing sind der Schokoladehersteller Zotter, der eine schwul-lesbische Schokolade auf den Markt gebracht hat, und der Kosmetikhersteller Dove, der für eine äußerst erfolgreiche Werbekampagne Frauen unterschiedlichen Alters und Figur einsetzt. Hier spiegelt dieWerbung die Vielfalt des Lebens wider und nicht das uniforme Bild der Modellwelt. Auch Wien-Tourismus, machte Pauser deutlich, konnte seinen Umsatz erheblich steigern, weil schwule Männer als Zielgruppe direkt und offen angesprochen werden und Wien sich als "gay City" empfiehlt.

Alle diese äußeren Maßnahmen nützen allerdings wenig, wenn die Unternehmen den positiven Umgang mit Diversität nicht auch selbst im Innern praktizieren. Hier herrsche allerdings in vielen Firmen "Diverstitäts-Blindheit" vor, wie Pauser es formulierte. Vielfach höre man: "Bei uns wird niemand diskriminiert, hier werden alle gleich behandelt. Was unsere Mitarbeiter privat machen, geht uns nichts an". Spätestens bei der Betriebsfeier jedoch, bei der auch die Ehefrauen eingeladen sind, der Homosexuelle sich dann aber nicht traut, seinen Partner mitzubringen, weil er Nachteile für sich fürchtet, wird deutlich, dass sexuelle Orientierung eben nicht an der Schlafzimmertür endet.

Hier will Diversity-Management ansetzen und Unternehmen beratend zur Seite stehen. Am Anfang steht das Bewusstmachen der Unterschiede. Dann folgt die Phase der Akzeptanz: "Du bist wie du bist, wir fänden es zwar besser, wenn du so wärst wie wir, aber wir lassen dich so sein." Bis dann am Ende das Potenzial der Andersartigkeit geschätzt werde, sei es allerdings oft ein langer und unbequemer Weg, so Pauser. Er fordere das bewusste Eintreten aller, vor allem der Führungskräfte.

Dass sich dieser beschwerliche Weg lohnt, belegen neueste Studien, ergänzte Bartel. So wurden die Geschäftszahlen der 50 US-Firmen verglichen, die sich nach Angaben der Organisation "Diversity-Inc" nachweislich am meisten für die innerbetriebliche Vielfalt engagieren. Ihre Gewinnspanne lag im Schnitt drei Prozentpunkte höher als bei Wettbewerbern aus derselben Branche.

Das läge daran, so Bartel, dass Unternehmen mit weniger Repressionen effektiver arbeiteten und heterogene Teams kreativer und innovativer seien. So schaffe Diversität in Zeiten steigender Komplexität und Schnelligkeit mehr Flexibilität.

Ein wichtiges Instrument zur Förderung und Sichtbarmachung des positiv gestalteten Umgangs mit Diversität innerhalb eines Unternehmens ist der meritus-Preis. Mit ihm werden seit 2009 von der agpro und den Queer Business Women Unternehmen schwul-lesbisch ausgezeichnet. Zu den Preisträgern zählen unter anderem TNT und die Bank Austria.

Ebenfalls ein wichtiger Schritt ist die "Charta der Vielfalt", mit der die Wirtschaftskammer Oberösterreich ein klares Zeichen in Richtung Offenheit für Vielfalt setzt.

Zum Schluss der gut besuchten Veranstaltung legte Bartel den interessierten Zuhörern einen weiteren Aspekt dar: Wenn Homosexualität im Unternehmen kein Grund mehr zur Diskriminierung sei, sondern als eine Farbe der gesellschaftlichen Vielfalt und damit als Potenzial erkannt werde, entlaste das nicht nur den Diskriminierten, sondern auch den Diskriminierenden. Denn Homophobie sei ja, so Bartel, eine Form der Angst vor dem Anderssein. Wenn zu dieser Angst durch positive Thematisierung kein Grund mehr bestehe, gehe es allen besser, den Mitarbeitern und dadurch auch dem ganzen Unternehmen.

 

Fotos anbei:

agpro_WKOÖ_1: Die Referenten Norbert Pauser und Rainer Bartel, Walter Prehofer(WKOÖ), Christian Trattner (agpro) (v.l.)

agpro_WKOÖ_2: Die Referenten Norbert Pauser, Walter Prehofer (WKOÖ), Rainer Bartel, Wolfram Starczewski (agpro)(v.l.)

agpro_WKOÖ_3: Die Referenten Norbert Pauser und Rainer Bartel, Walter Prehofer(WKOÖ), Christian Trattner (agpro) (v.l.)

agpro_WKOOÖ_4: Norbert Pauser, Walter Prehofer (WKOÖ), Rainer Bartel, Wolfram Starczewski (agpro) (v.l.)

Wir danken für die Unterstützung